Brand in ehemaliger Ledersattlerei

30.10.2014. Es ist 12:49 Uhr. An den Gürteln von etwa 100 Feuerwehreinsatzkräften, Rettungsdienstlern und THW-Fachberatern piepst es. „Brand Wohnhaus. B3 Person“. Die Einen sind beim Einkaufen, die Anderen in ihren Büros und Werkstätten und wieder Andere genießen ihren freien Tag.

Die hauptberuflichen Rettungskräfte und der Leiter der zuständigen Feuerwehr besteigen ihre Dienstfahrzeuge und melden Status 3 – Auftrag übernommen. Die Freiwilligen fahren oder gehen zu den Wachen, um sich dort umzuziehen und die Einsatzfahrzeuge zu besetzen.

Schon auf der Anfahrt ist die riesige Rauchwolke zu sehen, den Einsatzort zu finden ist leider nicht schwer. Die Uhr läuft, zeigt eine Zeit zwischen 12:53 Uhr und 12:55 Uhr an, die Ersterkundung durch den Einsatzleiter beginnt. Eine Ahnung kommt auf, dass viele Stunden vergehen werden, bis die Einsatzkräfte wieder aus den Stiefeln kommen. Dass es am Ende mehr als 26 Stunden werden, ist jedoch noch nicht abzuschätzen.

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Der erste Weg führt in den Innenhof. Die Fenster im ersten und zweiten Obergeschoss starren glutrot herunter, der Qualm zeigt deutlich, dass auch das Dachgeschoss schon involviert ist. Auf der Straße werden Schläuche ausgerollt, die Drehleitern positioniert. Die Luft trägt ununterbrochen das Heulen der Martinhörner heran, während das Prasseln des Feuers lauter wird, erste Ziegel von der Dachhaut springen. Die enge Bebauuung, Hofüberbauung, Wohnhäuser unmittelbar an das Brandobjekt angebaut. Es ist nicht einfach, die Rundumerkundung fortzusetzen. Am Ende, wenn es heißt, es bleiben nur noch Kräfte zur Brandwache vor Ort, sind es mehr als 8 km Laufweg, die der Einsatzleiter am Ende zurückgelegt haben wird.

Mittlerweile ist es ein oder zwei Minuten vor 13 Uhr. Die erste Drehleiter hat Wasser am Rohr. Die Order geht raus, sich auf den Schutz der Nachbarhäuser zu konzentrieren. Ein erweiterter Trupp dringt in das Objekt ein, um Festzustellen, ob es doch noch eine Möglichkeit gibt, dem Brand auf den Pelz zu rücken. Der Funkspruch an die Leitstelle ist knapp: „Alarmstufe erhöhen“.

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Der Rettungsdienst steht mit Rettungswagen und Notarzt bereit. Ebenso beruhigend wie beunruhigend. Bedeutet es doch, dass schnelle ärztliche Hilfe gegeben ist, sollte sich eine Einsatzkraft verletzten. Aber es zeigt auch, dass ebendies nicht ausgeschlossen werden kann. Im weiteren Einsatzverlauf kümmern sich die Rettungsdienstler durch medizinische Untersuchungen um die aus dem Einsatz kommenden Atemschutzgeräteträger bevor sie diese mit Getränken versorgen und die Erholung unterstützen.

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An einer Giebelwand bilden sich zwischen zwei Geschossen Risse. Stahlplatten mit Verschraubungen an den Längsseiten des Gebäudes deuten an, dass innen Stahlträger verbaut sind, die das Gebäude zusammenhalten. Noch sind sie nicht verdreht. Doch der Riss. Das Gebäude ist nicht mehr zu halten. Der Innenangriff bekommt den Befehl zum sofortigen Rückzug. Einige Minuten später berichten diese Einsatzkräfte, dass die Holztreppen im Gebäude im Vollbrand stehen. Weiteres Vorgehen innen nicht möglich ist.

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Auf allen vier Seiten des Gebäudes werden Einsatzkräfte mit Strahlrohren und Drehleitern positioniert. Ein Auftrag: Verhindert, dass der Brand auf die Nachbargebäude übergreift.

Wie knapp es ausgegangen ist, zeigt sich Stunden später. In einem Nachbargebäude, das über den Hofüberbau mit dem Brandobjektobjekt verbunden ist und ebenfalls als Lager genutzt wird und in dessen Obergeschoss sich eine Kampfkunstschule sowie eine Wohnung befindet, zeigen verrußte Stellen oberhalb einer ehemaligen Tür, dass der Brand nur noch Minuten gebraucht hätte, um überzugreifen.

Auf der anderen Seite ein Wohnhaus. Das Holz der Dachbeplankung an der Giebelseite ist schwarz. Das Wohnhaus an der Giebelseite – mit dem Brandobjekt über zwei Laubengänge  verbunden – Gerade noch gehalten. Fehlböden in beiden Objekten boten dem Feuer genug Nahrung.

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Der örtliche Wasserversorger ist ebenso vor Ort wie die Jungs vom Gas und Strom. Das Gebäude wird spannungsfrei geschalten, Gas liegt dort nicht. Der Wassermann meldet, dass sämtliche Pumpen auf voller Leistung laufen. Trotzdem gerät das Netz durch den enormen Wasserbedarf an seine Grenzen. Eine Feuerwehr erhält den Auftrag, eine Leitung vom Main aufzubauen. Zusätzliches Wasser für eine der Drehleitern. Was sind schon 1.600 Liter pro Minute?

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Irgendwann dann die erleichternde Meldung: „Übergreifen verhindert“. Der Preis dafür hoch: Die Dachhaut des Brandobjektes bricht durch. Der Vorteil: Endlich kann Wasser von oben gezielt auf die Brandstellen gegeben werden. Nur das Blechdach eines Anbaus macht auch noch in den folgenden Stunden Sorge. Zwar ist es eingebrochen, aber es verhindert, dass Wasser auf die darunterliegenden Brandstellen gegeben werden kann. Ein Regenschirm für den Brandherd.

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Um etwa 15 Uhr sammelt der Einsatzleiter die Organisationen vor Ort zur Lagebesprechung. Nun ist klar, dass der Einsatz noch einige Stunden dauern würde. Zu etwa derselben Zeit sind am Objekt Kräfte frei, um Oldtimer aus einer Garage zu retten, die noch nicht unmittelbar betroffen ist. Vorher war dies nicht möglich, da jede Kraft darin eingebunden war, die Brandausweitung zu verhindern. Noch etwas später werden sie Gewehrschäfte aus einem Lager im Objekt holen.

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Die Besprechung gibt ein klares Lagebild: Aufgrund der zu erwartenden Einsatzdauer wird sich das THW darum kümmern, Beleuchtung aufzubauen. Wenn es bereits dunkel ist, würde es dafür zu spät sein. Der Rettungsdienst organisiert Verpflegung für etwa 100 Einsatzkräfte. Brandbekämpfung macht hungrig.

Zwar war der Brand soweit eingedämmt, doch im Inneren des Gebäudes schmorte und kokelte und brannte es weiter. Ab ca 19:00 Uhr wurden die Kräfte reduziert, jedoch war klar, dass an ein Abrücken noch lange nicht zu denken war. Vor Ort blieben eine Drehleiter im Außenbereich, eine kleinere Drehleiter im Innenhof sowie ein Löschgruppenfahrzeug. Schichten wurden organisiert. Die erste sollte bis 23.00 Uhr dauern und wurde bis 22:00 Uhr vom stellvertretenden Leiter der FF Kitzingen geführt. Abgelöst wurde er vom Leiter der Feuerwehr, der dann bis kurz vor Mitternacht vor Ort war. Zeitgleich liefen im Feuerwehrgerätehaus die Reinigungsarbeiten und die Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft. Man weiß nie, wann der nächste Einsatz kommt.

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Die zweite Schicht löschte einzelne Glutnester bis 04:00 Uhr morgens ab; die dritte Schicht rückte gegen 09:00 Uhr am 31.10.2014 ab. Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt schon Nachkontrollen geplant. Bedingt durch das eingestürzte Blechdach, enorme Mengen an teilabgebrannten Materialien im Gebäude und Einsturzgefahr war zu erwarten, dass sich im Objekt noch Glutnester befinden. Diese aufzuspüren gelingt nur, wenn sich diese Nester soweit aufheizen, dass sie erkennbar werden.

Die Folgekontrollen fanden deshalb um 10:30 Uhr, 13:00 Uhr und 15:00 Uhr statt. Die 13:00 Uhr Kontrolle wurde noch von Kräften durchgeführt, die sich noch zu Aufräumarbeiten im Gerätehaus befanden. Die 15 Uhr Kontrolle wurde mit dem Abschluss der Löscharbeiten um 16:35 Uhr beendet. Letzte glimmende Nester schienen ausgeräumt.

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Sonntag, 02.11.2014, ging um 12.33 Uhr noch einmal Alarm für Kitzingen raus. Nicht ungewöhnlich, dass sich in einem Brandobjekt dieser Größe nach einem langen Zeitraum nochmal ein Brandnest meldet. Diesmal war es in einem ca. 1 m³ kleinem Haufen Schutt verborgenes Kunststoffmaterial, in dem sich etwas Glut gehalten und langsam aufgeheizt hatte. Nach etwa einer Stunde war auch dieses Problem gelöst, der Haufen auseinandergezogen und die Nester abgelöscht.

Über die Brandursache ist der Feuerwehr nichts bekannt. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen und die Brandfahnder werden sich die kommenden Tage oder Wochen damit beschäftigen. Für die Feuerwehr entscheidend ist, dass keine Menschen zu Schaden kamen und in einem extrem eng bebauten, historisch gewachsenem Gebiet ein Großbrand letztlich auf ein Gebäude beschränkt werden konnte.

 

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