Retten und dabei selbst überleben

Helden und Möchte-Gern-Helden gibt es genug. Was Feuerwehren aber brauchen, sind Frauen und Männer, die unter extremen und lebensgefährlichen Bedingungen sicher und zielgerichtet arbeiten können. Nur wer sein Handwerkszeug beherrscht, die Leistungsfähigkeit und Grenzen der Schutzausrüstung kennt, kann sich auf das konzentrieren, worauf es ankommt. In Stadt und Verwaltungsgemeinschaft Kitzingen gibt es jetzt 21 Frauen und Männer mehr, auf die Sie sich verlassen müssen – und können!- wenn es um nicht weniger als Sie selbst geht.

23. Oktober 2013: Wie so oft in den vergangenen Wochen sitzen die Lehrgangsteilnehmer im Schulungssaal der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Kitzingen. Doch diesmal sind ein paar Sachen anders als sonst:

  • Die Leinwand für Ausbildungspräsentationen bleibt in der Decke versenkt.
  • Vorne steht kein Ausbilder, sondern der Stadtbrandinspektor.
  • Der Kreisbrandrat des Landkreises Kitzingen, die Kommandanten der teilnehmenden Feuerwehren sowie die Feuerwehrreferentin der Stadt Kitzingen ergänzen die Reihen.
  • Und: Der Schutzanzug blieb im Schrank, dafür wurde die Uniform angezogen.

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40 Stunden Ausbildung liegen hinter den 21 „Neuen“ und dem einen Teilnehmer, der an den Zusatzausbildungen teilnahm.

Bevor es überhaupt losgehen konnte mit der Ausbildung, hatte jeder Teilnehmer die Hürde „Arzt“ zu überstehen. Die Untersuchung nach dem berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G26.3 ist eine der Eingangsschwellen, um Atemschutzgeräteträger zu werden. Die körperlichen Belastungen im Einsatz sind hoch und niemand möchte einen Unfall, der von einer nicht bekannten Erkrankung oder Verletzung herrührt und erst bei Extrembelastungen zum Tragen kommt.

Im ersten Teil des Lehrgangs lernten die Einsatzkräfte der Feuerwehren Stadt Kitzingen, Kitzingen-Hoheim, Kitzingen-Hohenfeld, Kitzingen-Repperndorf, Kitzingen-Sickershausen, Albertshofen, Biebelried und Buchbrunn die theoretischen Grundlagen kennen. Wissen über die Atmung,  über Atemschutzgeräte, über taktisches Vorgehen und natürlich Verhalten im Notfall. Nicht nur wissen, was man macht, sondern auch warum, hilft im Einsatz, die richtige Vorgehensweise zu wählen und sachgerecht auf Situationen zu reagieren.

Danach ging es in die praktische Ausbildung, in der es hieß, das Atemschutzgerät kennenzulernen und sich daran zu gewöhnen, mit Maske im Gesicht und einem etwa 16 kg schwerem Gerät auf dem Rücken zu gehen, zu kriechen, zu robben, Leitern zu besteigen, Aufgaben durchzuführen und sich dabei so locker und leicht wie ein Fisch im Wasser zu bewegen. Wie ein Fisch im Wasser kamen sich dabei die Teilnehmer manchmal sicher vor, denn der Schweiß lief in Strömen.

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Eine gewisse Nervosität und Aufregung war den Einsatzkräften bei zwei Außer-Haus-Terminen beim Aufsatteln anzumerken. Der erste Termin führte auf das Betriebsgelände der Kitzinger Firma Fehrer.  Dankenswerterweise stellte sie unter Federführung der Werkfeuerwehr Fehrer ihre Hallen für einen Trainingslauf der besonderen Art zur Verfügung: Vorgehen auf unbekanntem Betriebsgelände, zwischen Maschinen, Förderbändern, über senkrechte Leitern, an Materialrutschen schnupperten die neuen Geräteträger am wirklichen Leben eines Atemschutzgeräteträgers. Du hast keine Ahnung was dich hinter einer Tür erwartet, doch du hast keine andere Wahl als zu handeln. Fehler bei diesem Durchlauf verursachten höchstens blaue Flecken – Fehler im echten Leben können einen den Kopf kosten. Am Ende war den Azubis Atemschutz die Anstrengung anzusehen – allerdings auch die Befriedigung darüber, gefordert worden zu sein und die gestellten Aufgaben bewältigt zu haben. Im Team, in der Gruppe. Atemschutzeinsätze sind nichts für Einzelgänger. Du musst dich auf deinen Partner verlassen wie er sich auf dich.

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Der zweite Außentermin lockte die Teilnehmer in die Atemschutzstrecke der Staatlichen Feuerwehrschule Würzburg. Aufgrund der Menge der Teilnehmer sprach am Ende der eine oder andere vom „Stau vor der Röhre“. Haushalten mit der Atemluft, den richtigen Weg finden und unabdingbare Teamarbeit. Wer hier meint, „sein Ding“ machen zu wollen, verliert nicht nur Zeit, sondern am Ende auch das Vertrauen seiner Gruppe – Vertrauen, das notwendig ist, um sich im Einsatz auf den Auftrag zu konzentrieren.

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Auch hier zeigten die Teilnehmer, dass sie in den Stunden zuvor zu einer Gruppe zusammengewachsen waren, die sich gegenseitig einschätzen kann, sich unterstützt und – im wahrsten Sinne des Wortes – niemanden auf der Strecke lässt.

Nur in der schriftlichen Prüfung war jeder auf sich gestellt. Wie war das wieder mit dem Totraum? In welchem Verhältnis steht der Luftverbrauch auf dem Hinweg zur notwendigen Luftreserve auf dem Rückweg? So manchem Gesicht war anzumerken, dass Wissen nicht leichter zu erwerben ist als Können. Zeitdruck wegen begrenztem Luftvorrat ist manchmal einfacher auszuhalten als das Ticken der Uhr, mit der die Nachdenkzeit begrenzt wird. Da aber alle, die den Test schrieben, auch ihr Zeugnis bekamen, ist klar, dass sie auch diese Aufgabe meisterten.

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Aufatmen? Alles geschafft? Nein. Nicht bei diesem Lehrgang. Moderne Zeiten -moderne Gefahren. Auch die zeitgemäße Schutzbekleidung für Brandeinsätze hat ihre Grenzen. Also mussten die Lehrgangsteilnehmer jetzt noch lernen, spezielle Hitzeschutzbekleidung zu tragen und damit zu arbeiten. Silberne Anzüge, goldbedampfte Sichtscheiben – was gut ist gegen Strahlungswärme, stellten sie fest, bringt einen schon beim Warten auf den Auftrag ins Schwitzen.

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Der letzte Ausbildungsteil galt schließlich den Gefahren, die durch Chemikalien entstehen können. Der Chemikalienschutzanzug ist eine besondere Herausforderung:

Zusätzliches Gewicht, das herumgeschleppt werden muss, bevor man zu arbeiten beginnen kann. Gasdicht heißt auch, dass sich im Anzug ein Luftpolster aus der eigenen Atemluft aufbaut. Schutz gegen gefährliche Dämpfe und Gase, sollte der Anzug perforiert werden. Belastung, denn mit dem Temperaturaustausch mit der Umwelt klappt es nicht mehr. Tragbare Sauna. Und dann so seltsame Notfallübungen wie das Abnehmen des Lungenautomaten, um noch ein paar Minuten Überlebenszeit zu gewinnen. Da merkte so mancher, wie er nach körperlicher Anstrengung riecht. Und dazu das Wissen, dass Eigenrettung aus dem Anzug nicht möglich ist. Irgendwann ist da drin die Luft aus. Holt niemand dich heraus, dann wird aus deinem Schutzanzug dein Leichensack – ohne, dass du das Spiel einfach von vorne beginnen kannst.

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Endlich, nach fast einem Monat abendlicher und samstäglicher Ausbildung, der letzte Samstag. Die Abschlussübung. Am Simulator läuft brennbare Flüssigkeit aus, Kanister mit Gefahrstoffen müssen geborgen und ach ja – ein Dummy dient als angenommener Verletzter. Die Teilnehmer können im Vorfeld nicht sehen, was auf sie zukommt. Sie erfahren erst durch Auslosung, welche Aufgabe sie übernehmen müssen, welche Schutzbekleidung sie tragen werden.

Für den ersten Trupp im Chemikalienschutzanzug heißt es: „Schaut mal nach, was da los ist.“ Und dann geht es Schlag auf Schlag:

  • Retten des Verletzten
  • Erkunden, um welche Chemikalien es sich handelt.
  • Verschrauben von undichten Flanschen
  • Ventile schließen – doch welches der Ventile ist das richtige?
  • Dann der Notfall – ein Chemikalienschutzanzugträger fällt um – aus dem Gefahrenbereich bringen, Notdekontamination – reicht die Luft noch? – den Partner aus dem Anzug schälen.

Doch jetzt sitzen sie alle hier. In Uniform, nicht im Schutzanzug, nicht in Hitzeschutzbekleidung, nicht im Chemikalienschutzanzug.

Kreisbrandrat Roland Eckert ist fröhlich, weiß jedoch, wo der Spaß aufhört:

„Das war kein Spaßlehrgang. Respekt für diese Leistung. Mit Ihrer Teilnahme haben Sie die Fähigkeit erworben, die gefährlichsten Aufgaben bei einer Feuerwehr durchzuführen.“

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Sollten Sie, die Sie diesen Artikel bis hierher gelesen haben, den im Folgenden genannten Bürgern begegnen – seien Sie nett zu Ihnen. Unter Umständen hängt Ihr Leben einmal von deren Wissen, Können, Mut, Entschlossenheit und Leistungswillen für die Gemeinschaft ab:

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  • Anna-Lena Biersack, FFW Repperndorf
  • Michael Dappert, FFW Repperndorf
  • Lisa Durchholz, FFW Repperndorf
  • Dominik Freitag, FFW Hohenfeld
  • Sebastian Greif, FFW Kitzingen
  • Philipp Haas, FFW Repperndorf
  • Katharina Hagelstein, FFW Repperndorf
  • Philipp Heigl, FFW Sickershausen
  • Florian Hildebrand, FFW Repperndorf
  • Dominik Hofmann, FFW Albertshofen
  • Frank Hoh, FFW Biebelried
  • Steffen Hoh, FFW Biebelried
  • Kevin Klein, FFW Sickershausen
  • Martin Kraft, FFW Albertshofen
  • Florian Lenz, FFW Kitzingen
  • Philipp Mellinger, FFW Buchbrunn
  • Patrick Pokorny, FFW Biebelried
  • Philipp Schmidt, FFW Hoheim
  • Philipp Schneider, FFW Buchbrunn
  • Florian Schroll, FFW Kitzingen
  • Frank Winterstein, FFW Kitzingen
  • Alexander Zorr, FFW Kitzingen

 

 

 

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